Einen LinkedIn-Post schreiben? Kann in Zeiten von ChatGPT jede und jeder. Stimmt: Textverarbeitung gehört zum Daily Business von KI-Tools. Aber wie schnell geht die Einzigartigkeit in der Tonalität verloren, wenn alle KI generierte Texte verwenden? Wie bleibt meine Stimme unterscheidbar, wenn KI meine Worte formt?
Ein Beispiel aus dem Alltag: Der CEO eines mittelständischen Unternehmens war mit seinem Team auf einer Messe. Kleiner Stand, Workshops, Networking – also das übliche Programm. Die Idee: Das Event soll als Aufhänger für einen LinkedIn-Post dienen. Fotos vom CEO in Action gibt’s bereits. Was fehlt, sind ein paar persönliche Eindrücke. Eigentlich keine große Sache.
Dann die Rückmeldung des CEOs: „Suchen Sie sich bitte ein paar Infos zum Event im Internet zusammen und schreiben Sie den Rest mit KI.“ Was soll da schon schiefgehen? Eine ganze Menge. Im schlimmsten Fall leidet die Sichtbarkeit des Beitrags, weil niemand den Beitrag liest – die allgemeinen Infos über die Messe erfährt man auch aus Zeitungen und Online-News.
Aufgrund von Zeit- und Ressourcenmangel sind solche Situationen leider keine Seltenheit. Eine Studie des KI-Unternehmers Originality.AI im Jahr 2024 zeigt: Etwa 54 % der längeren Beiträge auf LinkedIn sind vermutlich KI-generiert. Und wer sich die Kommentare unter diesen Posts ansieht, erkennt schnell ein ähnliches Muster: glatt, generisch, austauschbar. Chattet bald ChatGPT mit ChatGPT über LinkedIn? Bitte nicht.
Was KI kann – und was sie (noch) nicht kann
KI kann einiges. Microsoft Copilot liefert in Sekunden verschiedene Formulierungsvorschläge, schafft Struktur bei komplexen Themen, schlägt erste Textentwürfe vor, hilft beim Formatieren, Kürzen, Vereinfachen oder Optimieren. Gerade in hektischen Arbeitsphasen oder bei Schreibblockaden ist das hilfreich.
Trotzdem: KI ersetzt keine persönliche Perspektive. Und sie ersetzt auch nicht die eigene Wortwahl. Die generierten Texte klingen schnell gleich – gleich langweilig.
Denn so viel ist klar: KI kann (noch) nicht alles. Sie kann keine persönlichen Eindrücke vom Messebesuch wiedergeben, keine Anekdoten erzählen, keine Haltung zu aktuellen Themen beziehen. Sie kann keine echten Learnings formulieren und Humor? Sarkasmus? Keine Chance. Tools wie Gemini simulieren Emotionen, das Resultat wirkt häufig seelenlos.
Auch im Wording zeigt sich die Grenze: Die gelieferten Texte wirken häufig generisch. Die immer gleichen Story-Hooks, Phrasen, Formulierungen tauchen in endloser Schleife auf.
Hier eine Auflistung von typischen KI-Floskeln und Stilmerkmalen
- Pseudo-Emotionen; „Es ist faszinierend, wie …“ und „Beeindruckend, …“
- Pseudo-Storytelling; „In der heutigen … Welt, in der…“, und „Das erinnert mich daran, …“
- Übertriebene Adjektive wie unglaublich, bahnbrechend
- Typische Phrasen „Nicht nur, sondern auch“, „Es ist entscheidend“ und „Eine Rolle spielen“
- Synonymketten, wie z. B. effizient, wirkungsvoll und zielführend
- Inflationär verwendete Gedankenstriche
- Übermäßige Verwendung der Wörter „kann“ und „Menschen“
- Kommas vor dem Wort „und“
Gerade bei CEO-Posts war die Versuchung schon immer groß, möglichst unverfänglich zu bleiben, lieber etwas zu glatt als angreifbar. Nun bringt KI eine neue Dimension ins Spiel: Die Texte wirken weiterhin diplomatisch und weichgezeichnet, schaffen es aber gleichzeitig, oberflächlich „persönlich“ zu klingen, nur ganz ohne echte Einblicke, Meinung oder Haltung. CEO-Branding-Koryphäe Marina Zayats bringt es auf den Punkt: „Das Ergebnis: Ein CEO, der klingt wie ein Business-Coach auf Valium. Nicht angreifbar. Aber auch nicht memorable.“
Wie also bleibt man als Mensch im Text erkennbar?
Der Ausgangspunkt für authentische Kommunikation liegt in der inhaltlichen Substanz. Persönliche Geschichten, individuelle Haltungen und echte Erfahrungen sind Elemente, die nicht delegierbar sind, weder an Kommunikationsabteilungen noch an ChatGPT. Während KI beim sprachlichen Ausdruck, bei Strukturfragen oder bei stilistischer Feinarbeit unterstützen kann, bleibt der Kern, das „Was“, untrennbar mit der Person hinter dem Beitrag verbunden. Laut LinkedIn-Daten erzielen Beiträge, die persönliche Geschichten oder greifbare Lektionen enthalten, bis zu 40 % mehr Engagement als „Meilensteine“.
Der zweite Schritt: Nähe durch natürlichen Tonfall erzeugen. Ein lockerer, persönlicher Ton fühlt sich für Leser echter an. Eine Frage für den Hinterkopf: „Wie würde ich meinem Team vom Event erzählen?“. Genau das rät auch Social-Media-Experte Felix Beilharz: „Sprich so, wie du auch im echten Leben sprechen würdest. Kein Gekünstel, keine unnötigen Formalitäten, kein KI-Blabla.“ Ein hilfreicher Weg dorthin besteht darin, Gedanken zunächst mündlich zu formulieren, beispielsweise in Form einer Sprachnotiz und diese anschließend schriftlich zu strukturieren und kurz zu überarbeiten.
Denn jetzt gilt: Unvollkommenheit zulassen. Perfektion ist nicht das Ziel, Glaubwürdigkeit schon. Texte dürfen Kanten haben. Nicht jede Formulierung muss geschliffen wirken, kleine stilistische Unebenheiten oder ein alltagsnaher Tonfall können Authentizität stärken.
Bei aller Liebe zum Handwerk gilt natürlich: KI-Tools können und sollten genutzt werden. Allein aus den oben genannten Effizienzgründen. Über Systemeinstellungen (sogenannte System Prompts) lässt sich beispielsweise festlegen, dass keine Füllwörter, ausufernden Metaphern oder Emojis verwendet werden. Der Einsatz von KI sollte jedoch stets an die individuelle Kommunikationsabsicht und Tonalität angepasst bleiben.
Und auf der Inhaltsebene?
Was zusätzlich hilft, sind Formate, die Persönlichkeit transportieren: Inhalte mit Bezug zum eigenen Alltag, die Berufliches mit Privatem verbinden, schaffen Nähe und Identifikationsmöglichkeiten. Auch praktische Tipps, zum Beispiel eigene Empfehlungen für Podcasts, Bücher oder Artikel, bieten echten Mehrwert und bedienen das Bedürfnis nach schnell konsumierbarem Wissen.
Branche oder Thema zu technisch oder kompliziert? Erklärungsbedürftige Themen können mithilfe von Metaphern greifbar gemacht werden. Auch hier helfen ChatGPT und co. (Prompt: „Erkläre 12-jährigen Kindern den Sachverhalt xy“.)
Schnappschuss, Selfie, Situationskomik: Lieber Bilder spontan aufnehmen statt Hochglanz. Das wirkt authentischer als das x-te Handshake-Bild vor einer Fotowand mit aufgesetztem Lächeln. Die Leute schätzen es, wenn Botschaft und Mensch dahinter übereinstimmen; sieht man den Menschen hinter dem Post, fühlt man sich ihm eher verbunden und vertraut ihm mehr.
Wer sich einigermaßen wohl vor der Kamera fühlt, kann auf Videoposts statt langer Texte setzen: Mimik, Stimme und Gestik transportieren Emotionen unmittelbar. Deshalb erzielen LinkedIn-Videos von Führungskräften oft erheblich mehr Resonanz als reiner Text (Studien zeigen bis zu 4× mehr Impressions).
Was bleibt also?
Es ist wie mit der ersten Regierungserklärung eines neuen Bundeskanzlers: Wenn alles glatt gefeilt ist, schwierige Themen elegant umschifft werden und niemand sich daran reiben kann, dann fehlt oft das Entscheidende: der Wiedererkennungswert. Was bleibt wirklich hängen, wenn alles möglichst korrekt, aber komplett konturlos formuliert ist?
Genau das gilt auch für LinkedIn-Posts. Wenn ein Beitrag niemanden stört, niemandem widerspricht, aber auch niemandem im Gedächtnis bleibt, warum das Ganze dann? Deshalb ist es heute wichtiger denn je, Profil zu zeigen. Haltung, persönliche Perspektive, eigene Sprache: das sind die Elemente, die Texte lebendig machen. KI kann dabei unterstützen, aber sie darf nicht die Richtung diktieren. Gerade in Zeiten, in denen sich Inhalte immer stärker ähneln, ist Persönlichkeit der stärkste Differenzierungsfaktor.



